Peter Brötzmann (reeds), Oliver Steidle (dr), Einstein, München, Foto Ralf Dombrowski

Peter Brötzmann (reeds), Oliver Steidle (dr), Einstein, München, Foto Ralf Dombrowski

Brötzmann / Steidle

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Peter Brötzmann – reeds
Oliver Steidle – dr, perc, objects

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Ästhetik des Widerstands | Peter Brötzmann und Oliver Steidle im domicil

Dortmund, 16.01.2015 | „Wann kommt das Einheitsfrontlied?“ fragte ein Zuschauer in die Menge hinein. Peter Brötzmann zögert einen Moment – seine ruhige Sprache steht wie immer in so einem Kontrast zur ungestümen Power im Spiel des mittlerweile73jährigen Saxofon-Spielers aus Wuppertal. „Das sollte man wirklich mal wieder spielen. Aber ich muss es erstmal wieder üben“. Bescheidenheit in den Worten eines Künstlers, der sich auf unprätentiöse Redlichkeit versteht – und der Eisslers Kampflied nach einem Text von Bertold Brecht gegen den Faschismus im Jahr 1974 neu intonierte.

Es gibt kein Show-Brimborium wenn Brötzmann auf der Bühne steht. Dieser Mann mit seinem Horn (bzw. Sopran- und Tenorsaxofone in verschiedenen Ausführungen) und der eine ganze Generation jüngere Schlagzeuger Oliver Steidle agieren im domicil-Saal nicht auf der Bühne sondern vor derselben – um dem Publikum im domicil-Saal noch näher zu sein. Freejazz braucht die unmittelbare Wirkung.

Und so sehr sich auch Steidle am Drumset die Seele aus dem Leob trommelt, so dicht und manchmal erdrückend aus Brötzmanns Saxofonen sind – deren diffiziler Klangkosmos lässt sich keineswegs eindimensional auf jene Provokation reduzieren, mit der Brötzmann 1968 auf dem legendären „Machine Gun“- Album eine Ästhetik des Widerstands proklamierte.

Plausibel ist sowas heute denn je: Wenn diese siedende Urgewalt hervorbricht, wenn mit so verzweifelter Energie der Schrei als solcher alle Behaglichkeit durchschneidet, da darf, ja muss man assoziieren: Hier schwingt das Echo einer Welt zurück, die heute mehr denn je aus den Fugen geraten ist.

Aber es geht auch eine puristischere, rein auf die Musik an sich bezogene Lesart – und die funktioniert umso ergiebiger, je mehr man sich ins akustische Geschehen hineinversenkt, je konzentrierter das Zuhören wird. Es ist ein magischer Sound, der auch gut hypnotisiert, wenn erstmal die allererste Paralyiertheit überwunden ist.

Brötzmanns extrem versierte Spieltechnik arbeitet mit dem Klang als Material. Sie lässt Schattierungen aufblitzen, lässt ein fast schon elektrisch pulsierendes Vibrato erbeben, erzeugt verstörende Kaleidoskope aus Glissandi und Mikrointervallen. Atemzüge, die wie siedende Stöße wirken, aber es sind auch lyrische Mikrostrukturen allgegenwärtig – repetierte Tonfolgen, die Brötzmann in seinem Spiel verdichtet oder auch verbiegt.

Steidle auf dem Drumset ist an all dem extrem dicht dran. lässt die Stakkatos krachen, wie ein Rockschlagzeuger beim Solo bezieht er ausgiebig die Tomtoms mit ein, das es dunkel poltert, prasselt, wummert – dabei ist trotz aller Raserei alles im gegenseitigen Diaolog höchst sensibel abgelauscht.

Phasenweise wird ein melodisches Motiv frei, manchmal fast mit einem latenten Bluesfeeling. Der Nährboden für Brötzmanns auch in heutigen Tagen noch extrem wirkendes Spiel ist sehr weitläufig. Und zusammen mit seinem hellhörigen Partner zelebrieren die beiden den den Moment. Immer auf Augenhöhe.

Stefan Pieper; http://www.nrwjazz.net/reviews/2015/Peter_Broetzmann_und_Oliver_Steidle_im_domicil_/